Deutschland hat festgestellt, dass es jetzt niemandem gefällt

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Sänger und Musiker Malik Harris ist auf den ersten Blick als Deutscher völlig unkenntlich. Er sieht ein bisschen exotisch aus, singt akzentfrei auf Englisch und zielt mit einem Stil an der Grenze zwischen Pop und Rap auf ein internationales Publikum. Dank Amazon Music wurde sie vor zwei Jahren zur ersten deutschen Sängerin der Geschichte gefunden haben auf einer elektronischen Werbetafel am New Yorker Times Square.

Letzten Mai hatte Harris eine kalte Dusche. Als Vertreterin aus Deutschland nahm sie am Gesangswettbewerb Eurovision Grand Prize teil und wurde mit nur sechs Punkten Letzte.

Laut Leuten aus der Branche ist Harris bei weitem nicht der schlechteste Spieler im Wettbewerb. „Ich glaube, die Leute mögen die Deutschen jetzt nicht. Ich weiß nicht, warum.“ ausgewertet das Ergebnis des deutschen Schlagersängers Matador und langjährigen Musikwettbewerbsrichter Dieter Bohlen.

Die vielen Deutschen, die sich in den sozialen Netzwerken zu Harris‘ Platzierung äußern, sind jedoch eindeutig – demnach sei der Wettbewerb durch den Krieg in der Ukraine beeinflusst worden. Und Harris hat als Repräsentant eines Landes, dessen Politiker der Ukraine in den vergangenen Monaten nur zögerlich mit Waffenlieferungen geholfen haben, keine Chance. Allerdings wurde Eurovision von einer Band aus der Ukraine gewonnen.

Unabhängig davon, ob die Kriegsatmosphäre den Wettbewerb in irgendeiner Weise beeinflusste, klang der endgültige Platz des Spielers aus Deutschland symbolisch. Das erinnert daran, wie die bevölkerungsreichste und wirtschaftlich stärkste Nation des alten Kontinents, deren Führer eine große Rolle in der europäischen Politik spielten, nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine zu einer Art Bad Boy wurde.

An dem angeschlagenen Ansehen sind größtenteils deutsche Politiker selbst schuld, allen voran Bundeskanzler Olaf Scholz und die SPD, die stärkste Partei in der dreiköpfigen Regierungskoalition. Politiker der SPD sind seit Jahren große Verfechter der Ansicht, dass wirtschaftliche Zusammenarbeit im Verhältnis zum Regime von Präsident Wladimir Putin unabdingbar ist. Allerdings haben sie den aggressiven Geschmack des Kremls eindeutig unterschätzt.

Der Vormarsch der russischen Truppen in die Ukraine im Februar überraschte Berlin. Obwohl Scholz später feststellte, dass in der deutschen Politik wichtige Veränderungen stattfanden, zögerte seine Regierung von Anfang an, die Ukraine mit Waffenlieferungen zu verteidigen. Zunächst wollte die Bundesregierung nur leichtes Gerät nach Kiew spenden, doch unter zunehmendem internationalen Druck stimmte sie dem Export von Flugabwehrpanzern zu.

Nicht nur aus dem Ausland, sondern auch von vielen deutschen Kommentatoren und Oppositionspolitikern wurde Scholz Unentschlossenheit und übertriebene Vorsicht vorgeworfen. Eine seiner häufigsten Beschwerden ist, dass seine Regierung ihre Versprechen nicht einhält.

Vor allem Polen gefällt das seufzen wegen der nicht gelieferten Panzer, die er aus Deutschland anstelle seiner eigenen Waffen aus Russland erhalten sollte, die er der Ukraine übergab.

Einige EU- und Nato-Mitglieder in Osteuropa sehen mit Argwohn Berlins Zurückhaltung bei Verhandlungen über antirussische Sanktionen im Energiebereich oder Scholz‘ anhaltende Forderungen nach einem Waffenstillstand und der Aufnahme von Friedensgesprächen.

Solche Bitten lösten Befürchtungen aus, dass Deutschland zustimmen würde, Russland die Kontrolle über das bisher von ihm besetzte ukrainische Territorium zu überlassen.

Britische Zeitung The Times markiert werden in ihrem Leitartikel diese Woche Deutschlands Zurückhaltung als „Quelle des Frusts“ und „große Enttäuschung“. „Das Fehlen einer festen Führung von Bundeskanzler Olaf Scholz bedroht Moskau und bestärkt Präsident Putin in seinem Glauben, dass er am Ende gewinnen kann“, schrieb die Zeitung.

Auch die Nachrichtenseite Politico.eu setzt sich in gleicher Weise mit Bundeskanzler Scholz und der deutschen Politik auseinander. Vor allem durch eine Reihe politischer Fehlgriffe und widersprüchlicher Äußerungen gegen Russland und den Krieg in der Ukraine sei Deutschlands Führungsmacht vor allem aus Sicht der EU-Mitgliedsstaaten in Mittel- und Osteuropa drastisch gesunken.

Die Folge war nach Meinung vieler EU-Vertreter und Diplomaten eine deutliche Schwächung des Berliner Einflusses und eine größere Bereitschaft anderer Nationen, eigene Wege zu gehen, teilweise auch offen gegen das lange zentrale deutsch-französische Bündnis vorzugehen . Macht und Entscheidungsfindung der EU“, schreiben Politisch.

Die schwache Position Berlins zeigte sich in den vergangenen Tagen bei langwierigen Verhandlungen über ein Ölembargo gegen Russland, das Ungarn hartnäckig blockiert. Wenn zuvor der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán andere EU-Mitglieder herausforderte, konnte Scholz‘ Vorgängerin Angela Merkel ihn oft „verarbeiten“. Sein Nachfolger hat sich nun auf einen Geschäftsmann reduziert, der versucht, Vorteile für sein Land auszuhandeln.

Wie es in Deutschland langsam zur Tradition wird, versucht Scholz in einer Zeit zunehmender Kritik zu beweisen, dass er durchsetzungsfähig sein und europäische Führungspersönlichkeiten haben kann. Bei einer Bundestagsdebatte am Mittwoch, die voraussichtlich von der CDU-Opposition genutzt werden soll, um die Regierung massenhaft zu rügen, rastete die sonst stoische Kanzlerin aus, gestikulierte und versprach das unter anderem Deutschland würde der Ukraine ein fortschrittliches IRIS-T-Flugabwehrsystem liefern.

Foto: Profimedia.cz

Bundeskanzler Olaf Scholz zeigte sich in der Bundestagsdebatte am Mittwoch emotional, aber überwiegend sehr zurückhaltend. Seine Politik funktioniert genauso.

Das Problem ist, wie in der Vergangenheit, dass dieses Versprechen und andere Gesten erst nach zunehmendem nationalem und internationalem Druck erfolgt sind.

Nach Ansicht einiger europäischer Diplomaten bleibt nur zu hoffen, dass Deutschland aufwacht und eine Art europäische Renaissance vollzieht. Stattdessen setzten sie bei Scholz auf eine jüngere deutsche Politikergeneration, vertreten in der Regierung beispielsweise durch Annalena Baerbocková, Außenministerin der Grünen. Er ist der Ukraine gegenüber viel entschlossener und hat sich in den sechs Monaten seit seinem Amtsantritt wiederholt gegen Russland durchgesetzt.

Reinhilde Otto

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